Interview mit der Hamburger Literaturwissenschaftlerin Autorin Sabine Witt

Die Vorsitzende der Hamburger Autorenvereinigung Sabine Witt erzählt uns über die Autorenwelt im Allgemeinen und aus ihrer eigenen Sicht.

- Wie sind Sie zur Literatur gekommen? Was waren Ihre Beweggründe? Vor allem seit wann sind Sie mit Literatur verbunden bzw. leben mit ihr zusammen?

- Ich kann eigentlich fast behaupten von Geburt an. Ich war noch ganz klein, also noch weit vor dem schulpflichtigen Alter, als ich schon unbedingt lesen und schreiben lernen wollte. Meine Eltern hatten keine Wahl, außer es mir beizubringen. Ich kann Ihnen ein Beispiel zeigen, hier ein Märchenbuch der Brüder Grimm aus meinen Kindheitstagen Schauen Sie mal, schon damals habe ich die Märchen im Inhaltsverzeichnis durch unterschiedliche farbliche Markierungen nach verschiedenen Kriterien geordnet und kategorisiert, wobei ich heute natürlich nicht mehr weiß, unter welchen Geschichtspunkten.

- Vielleicht haben Sie sie nach Spannung und Aufregung sortiert …

- Heute weiß ich es wirklich nicht mehr. Eines aber weiß ich ganz genau, wie dieses Buch uns zeigt: Ich habe mich schon als Kind mit der Literaturbeschäftigt und damit auseinandergesetzt. Ich habe in diesem Buch einen Schatz entdeckt und hatte unendlich viel Spaß dabei. Obwohl meine Eltern wenig Verständnis für Literatur hatten, haben sie mir immer etwas vorgelesen oder mir Geschichten erzählt. Im Laufe der Jahre haben sie meine Neigungen in diese Richtung bemerkt, und ich wurde gefördert. Mein Interesse und meine Liebe zur Literatur haben mich auch durch die ganzen Schuljahre begleitet. Nach dem Gymnasium habe ich eine Lehrstelle als Speditionskauffrau gefunden. Ich habe sie, zum Kummer meiner Eltern, abgesagt, weil ich unbedingt Literatur studieren wollte. Ich habe mich heimlich in der Universität Hamburg für Germanistik und Romanistik eingeschrieben. Am Anfang habe ich als Hauptfach Französisch studiert. Nachher habe ich, weil ich mit einem Italiener zusammen war, das Hauptfach gewechselt und mit italienischer Literatur und Sprache angefangen. Also habe ich Romanistik und Germanistik studiert. Ich war Ende der 1980er Jahren mit dem Studium fertig.

- Wie hat dann Ihre akademische Karriere begonnen, sind Sie an der Uni geblieben oder …

- Ich habe nach meinem Studium im Italienischen Kulturinstitut Hamburg gearbeitet, natürlich auch in der dortigen Bibliothek. Irgendwann habe ich mich an der Universität in Bremen für eine Assistenzstelle für italienische Linguistik beworben, obwohl ich das nur nebenbei studiert hatte. Der zuständige Professor rief mich an und sagte mir, dass ich natürlich die Assistenzstelle für Linguistik nicht erhielte, er aber meiner Bewerbung angemerkt habe, wie gern ich an die Uni wollte. Und deshalb gab er mir einen Lehrauftrag für italienische Literatur! Das war größte Freude meines Lebens! Ich sollte eigentlich nur für ein Semester an der Bremer Uni tätig werden, allerdings blieb ich ganze 25 Semester. Später habe ich dort auch französische und spanische Literatur gelehrt. Es war eine wunderbare Zeit. Zwischendurch war ich auch hier in Hamburg an der Uni, als Lehrbeauftragte für italienische Literatur beschäftigt. Irgendwann gab es in Bremen zu wenig Studenten und Studentinnen für Italienisch, und Hamburg gingen die Mittel für Lehrbeauftragte aus; also musste ich mich auf einen neuen Weg machen.

- Haben Sie während Ihrer Karriere was geschrieben? Ergänzend dazu, was würden Sie uns über Ihre eigenen Werke sagen?

- Ich beschäftige mich seit Studientagen mit dem toskanischen Journalisten und Literaten Curzio Malaparte und habe ein Standardwerk über ihn verfasst:

Curzio Malaparte (1898-1957) Autobiographisches Erzählen zwischen Realität und Fiktion kam 2008 heraus. Wenn, auch außerhalb Deutschlands, eine Malaparte-Veranstaltung organisiert wird, werde ich für einen Vortrag eingeladen. Bis jetzt habe ich in so vielen verschiedenen Ländern über Malaparte gesprochen, also nicht nur in Deutschland. Er ist immer noch mein Hauptforschungsgebiet, kann ich sagen.

Dazu habe ich viele Veröffentlichungen in d literarischen Fachzeitschriften und Fachzeitschrift über italienisch, da bin ich öfter vertreten. Oder wissenschaftliche Arbeiten wie Sie hier sehen (Auszug):

Wichtigste eigenständige Veröffentlichung:

Curzio Malaparte (1898-1957): Autobiographisches Erzählen zwischen Realität und Fiktion. Grundlagen der Italianistik Band 9 (Hg. Heinz Willi Wittschier). Peter Lang: Frankfurt 2008.

Wichtigste Artikel:

„Die rätselhaften Welten der Paola Capriolo“. In: Felice Balletta/Angela Barwig (Hgg.): Italienische Erzählliteratur der Achtziger und Neunziger Jahre. Peter Lang: Frankfurt 2002, S. 309-317.

„Rafael Chirbes: La Caída de Madrid (2000)“. In: Thomas Bodenmüller, Thomas M. Scheerer, Axel Schönberger (Hgg.) Romane in Spanien. Band 1 – 1975-2000. Bibliotheca Romanica et Latina, Frankfurt: Valentia 2004, S. 307-314.

„Weibliche Homosexualität im Erzählwerk zeitgenössischer italienischer Autorinnen“. In: Italienisch 52-2004. Pädagogischer Zeitschriftenverlag: Berlin 2004, S. 78-90.

„Lady crimes all’italiana“. In: Zibaldone, 39-2005. Stauffenbergverlag: Tübingen 2005, S. 71-78.„‘Uomine e cose, esseri reali ed esserr fanstatici, castelli e caverne, mari e monti, tutti vi è rappresentato‘: Sizilianische Volksmärchen“. In: Dagmar Reichardt (Hg.): L’Europa che comincia e finisce: la Sicilia. Reihe „Italien in Geschichte und Gegenwart“, Band 25. Peter Lang: Frankfurt 2006, S. 386-399.

„Europa, die Mamma marcia – Curzio Malaparte und die europäische Ästhetik der Dekadenz. In: Torsten Liesegang (Hg.): Curzio Malaparte. Ein politischer Schriftsteller. Königshausen & Neumann: Würzburg 2011.

„Curzio Malaparte e la Scandinavia: L’immagine del lontano nord in Kaputt e in alcuni suoi articoli a stampa“. In: Carte di viaggio, 4-11. Fabrizio Serra Editore: Pisa, Roma 2011, S. 85-93.

„Die Eispferde in Curzio Malapartes Roman Kaputt“. In: Katalog zur Ausstellung von André Prah in Salzwedel. REMARK, Salzwedel 2016, S. 10-15 (dreisprachig).

Gerade die letzte Veröffentlichung über Malapartes Eispferde ist mir sehr wichtig: In seinem wohl wichtigsten und auch bekanntesten Roman Kaputt gibt eine Szene, in der während des Zweiten Weltkriegs Pferde, vor einem Feuer flüchtend, in den Ladogasee stürzen. In der kommenden Nacht friert der zu, und die Pferde frieren ein. Am nächsten Tag ragen die Köpfe der Kadaver aus dem Eis. Der in Stockholm lebende litauische Künstler André Prah war davon so überwältigt, dass er über 500 dieser Pferde aus Ostseetreibholz nachbildete. Es gab in Salzwedel im letzten Jahr eine Ausstellung mit einem Teil von ihnen. Ich hielt einen Vortrag, der als kleiner Auszug im Ausstellungkatalog veröffentlicht wurde. Es war ein großes Erlebnis zu sehen, wie die Literatur in eine andere künstlerische Sparte transformiert und damit quasi zum Leben erweckt wurde.

Ich schreibe nicht nur Fachliteratur, sondern auch, aber diese Werke wurden noch nicht veröffentlicht. Ich schreibe aber kontinuierlich, und es werden sicherlich noch weitere Arbeiten kommen.

Und ich arbeite auch als Herausgeberin; zuletzt habe ich 2017 eine Anthologie der Hamburger Autorenvereinigung herausgebracht, eine Sammlung aller bisherigen Gewinner-Kurzgeschichten des Walter-Kempowski-Förderpreises: Zunächst mal den Winter abwarten. Anfang 2019 wird unsere neue Anthologie, mit Texten von Mitgliedern, erscheinen: Lesefutter.

- Was ist für Sie Literatur, was verstehen Sie darunter? Was ist Ihre Definition und Auflegung, Ihr Verständnis ist damit gemeint?

- Es ist eine interessante Frage. So einfach kann man das nicht beantworten.

- Ich finde es hochinteressant, wie Sie als Deutsche und auch als eine Literaturliebhaberin sich mit fremden Kulturen und Sprachen beschäftigen, sogar in den akademischen Ebenen. Dazu auch mit der deutschsprachigen Literatur. Germanistik und Romanistik studiert zu haben, ist sicherlich etwas, was nicht jeder von sich behaupten kann. Das macht gerade Ihre Antworten viel interessanter als die Frage …

- Ja es ist interessant. Von Anfang an habe ich mich auch in andere Kulturen und andere Literaturen gewagt, dabei viele andere und interessantere Aspekte gesehen. Das Fremde, Fremde in der Literatur ist stets spannend. Jedes Land hat seine eigene Literatur. Und auch, wenn sich die Themen gleichen (Liebe, Tod, etc., so ist doch die literarische Verarbeitung durch den jeweils anderen – auch kulturell bedingten – Blick eine andere. Es ist immer eine Welt für sich.

Eine allgemeine Antwort für Literaturdefinition, wenn Sie so wollen: Alles was schriftlich ist, alles was in irgendeiner Form schriftlich niedergelegt wurde, sei es fiktionale Literatur, sei es Fachliteratur oder Zeitungsartikel. Die Grenzen sind fließend. Alles besteht ja aus Buchstaben und Wörtern. Wenn Sie aber die fiktionale Literatur meinen, dann sollte man länderspezifisch gucken, weil jede Literatur in jedem Land anders ist. Wiederum hat „literarisch“ als Adjektiv wieder eine andere Bedeutung. Das hat etwas mit fiktiver, poetischer Sprache zu tun…

- Auf der anderen Seite finden Sie nicht, dass diese Macht, diese literarische Sprache universell ist, und gerade diese universellen Gedanken und Gefühle die Menschen bzw. Leser und Autoren zusammenbringen und zeigen, wie wir uns eigentlich ähneln … Egal in welchem Land wir worüber und wie schreiben? Zum Beispiel empfindet ein Chinese ganz was anderes beim Thema Tod als ein Lateinamerikaner oder empfindet ein Russe bei Liebe was anderes als ein Afrikaner?

- Da haben Sie recht, dass es universelle Themen sind aber, wie bereits gesagt, dazu kommt auch der kulturelle Blick darauf. Die Ähnlichkeiten sind gegeben, aber die Sichtweisen sind unterschiedlich und anders nach jeweiligen Ländern. Sie fragten mich zwischendurch nach einem Oberbegriff für Literatur: Kultur, wie die Musik und die Malerei.

Zurück zur Definition. Manchmal gibt es Romane, bei denen man sich fragt: ist das wirklich Fiktion oder doch eher ein Sachbuch? Manchmal, auch bei Curzio Malaparte, wird mit diesen Kategorisierungen bewusst gespielt. Oder umgekehrt: Man meint, ein Sachbuch zu lesen und stellt dann fest, dass viel Fiktionales hingeflossen ist. Das ist mir zum Beispiel sehr beim kürzlich erschienenen Buch von Hans Magnus Enzensberger Überlebenskünstler. 99 literarische Vignetten aus dem 20. Jahrhundert aufgefallen. Viele dieser Lebens- und Werkbeschreibungen entsprechen nicht den historischen Tatsachen. Bei Malaparte zum Beispiel wird viel aus dessen eigenem fiktionalen Werk hineingemischt,

Deswegen sind Grenzen zwischen fiktionaler und nicht fiktionaler Literatur nicht immer so einfach auszuloten. Und alles Geschriebene ist letztendlich immer auf dem denkenden und beurteilenden Geist hervorgegangen.

- Was ist die Hamburger Autorenvereinigung (HAV) und wie sind Sie dazu gekommen Vorsitzende zu werden?

- Eine lange Entwicklung hat mich auf diesen Posten geführt. Aber erst zum Verein. Die Vereinigung wurde 1977 gegründet. Die erste Vorsitzende war Rosemarie Fiedler-Winter (2012 verstorben). Sie wollte höchstens für ein halbes Jahr die Leitung übernehmen; daraus wurden 25 Jahre. Ihr folgte Gino Leineweber für 12 Jahre, und seit 3 ½ Jahren habe nun ich das Amt inne. Wie haben ca. 200 Mitglieder. Davon 150 aktive, also schreibende und 50 Fördermitglieder. Sie kommen großteils aus Hamburg und dem Hamburger Umland, aber auch aus ganz Deutschland und dem Ausland. So haben wir Mitglieder u.a. aus der Türkei, aus Spanien, Litauen, Syrien und aus Bangladesch. Der junge Blogger Ananya Azad wurde dort mit dem Tode bedroht und musste flüchten. Wir machen viele Lesungen und loben mehrere Literaturpreise aus. Gerade vor ein paar Tagen haben wir bekanntgegeben, dass der diesjährige Hannelore-Greve-Literaturpreis 2018 an Ulla Hahn gegeben. Dieser Preis ist mit 25 000 Euro dotiert und wird im jährlichen Wechsel mit dem Walter-Kempowski-Förderpreispreis verliehen. Die Preisverleihung erfolgt im Herbst. Bisherige Preisträger waren unter anderem Siegfried Lenz, Arno Surminski und Herta Müller. Gesponsert werden diese Literaturpreise erfreulicherweise von der „Hannelore-und-Helmut-Greve-Stiftung für Kultur und Wissenschaften“. Es gibt auch zwei interne Preise, die wir ausloben Zum Beispiel wird am 28.6. der Kurzgeschichtenpreis der Hamburger Autorenvereinigung zum Thema „Heimat“ verliehen. Das anwesende Publikum entscheidet, wer die 3 Preisträger/innen sein werden.

Im jährlichen Wechsel damit vergeben wir unseren „Lyrikpreis“.

Das sind so die Schwerpunktarbeiten. Also Preisvergaben, Lesungen, andere, auch musikalische Veranstaltungen, Thementage (dieses Jahr zu Klopstock) organisieren. Wir halten also die Fahne der Literatur in Hamburg hoch! Versuchen, diese etwas vernachlässigte Sprache der Literatur in Hamburg bekannter zu machen. Ich finde es sehr wichtig, egal wie wenig Budget wir haben, mit unseren Möglichkeiten die Literatur hier in Hamburg noch bekannter zu machen. Es gibt in Hamburg dafür auch andere Organisationen, z. B. das Literaturhaus, aber wir als Hamburger Autorenvereinigung haben unsere eigene Verantwortung und unseren Weg. Wir geben allen unseren Mitgliedern die Möglichkeit, aus ihren Werken zu lesen. Außerdem geben wir, wie bereits gesagt, regelmäßig Anthologien mit Beiträgen unserer Mitglieder heraus, und sie können ihre Bücher über uns in der „Edition HAV“ veröffentlichen.

Ein weiteres meiner Hauptanliegen ist es, unsere Schriftsteller und Schriftstellerinnen miteinander zu vernetzen, damit diese miteinander bekannt werden. So wie wir hier uns damit beschäftigt haben, über die Vereinigung ein Netzwerk bilden. Ich kam über meinen Vorgänger Gino Leineweber zur Autorenvereinigung. Wir lernten uns vor vielen Jahren kennen, waren beide in der buddhistischen Gesellschaft Mitglied und haben beide irgendwann in der Redaktion der Vereinszeitschrift „Buddhistische Monatsblätter“ angefangen zusammenzuarbeiten. Seine Assistentin in der Hamburger Autorenvereinigung hörte irgendwann auf und ich übernahm da Zuvor hatte ich bei den Veranstaltungen die Eintrittskarten verkauft. Ich wurde dann auch schnell Mitglied, dann Vorstandsmitglied, dann e stellvertretende Vorsitzende. Als Gino Leineweber nach 12 Jahren aufhören wollte, fragte er mich ob ich sein Amt übernehme. Natürlich habe ich gern ja gesagt. Es verlief wie in der typischen „Vom Tellerwäscher zum Millionär- Geschichte: von der Eintrittskartenverkäuferin bis zur Vorsitzenden.

- Man könnte also sagen Sie haben eine ganze Menge Prozesse der Vereinigung durchgemacht, die Krisenzeiten miterlebt, die Tiefen und Höhen mitgemacht, oder? … Mitglieder gingen, Mitglieder kamen …

- Ja sicherlich. Ich kenne so gut wie jede(n), ich kenne so gut wie alles. Ich weiß genau Bescheid und kenne sämtliche Abläufe. Das habe ich aber alles eigentlich nicht so geplant. Es hat sich so ergeben …

Ja, so war der Weg zum Amt. Mit Gino, der inzwischen Ehrenvorsitzender ist, verstehe ich mich sehr gut, und er macht immer noch mit. Er war mir immer eine große Hilfe, von seinen Erfahrungen profitiere ich sehr. Wir hatten Anfang des Jahres ein großes Problem, das mir schlaflose Nächte bereitete. Er hat mir sofort dermaßen geholfen, dass ich ihm auf ewig dankbar sein werde. Er ist immer da, wenn wir ihn brauchen.

- Als ich Mitglied war und an den Veranstaltungen teilnahm, waren so viele Krimiautoren dabei, bzw. eine gewisse Dominanz der Krimiautoren in der Vereinigung war spürbar gewesen …

- Das war wahrscheinlich Zufall. Ich habe folgenden Grundsatz: Jeder der mich fragt, also jedes Mitglied, das lesen oder eine Veranstaltung machen will, darf lesen. Ich würde niemals wagen zu sagen, du darfst dieses aus jenen Gründen nicht vorstellen. Jeder darf Lesungen machen. Wenn dann drei Krimiautoren nacheinander auf der Liste sind, ist es eben so. Ich mache da keine Unterscheidungen zwischen Genres. Sachbücher werden genauso vorgestellt wie die Romane oder Erzählungen oder Lyrik. Das hat allerdings auch manchmal die Folge, dass die Veranstaltungen wenig Publikum haben, weil die Lesenden nicht so bekannt sind.

- Was macht eine Vorsitzende einer Autorenvereinigung? Wie vereinbaren Sie Ihre Tätigkeiten im Verein mit dem Schreiben?

- Es ist schwierig. Ich vertrete die Vereinigung nach außen. Und bin eigentlich verantwortlich für alles was passiert. Ich gestalte das Programm, ich halte die Kontakte zu den Autorinnen und Autoren.

Ich bin bei so gut wie allen unseren Veranstaltungen dabei und moderiere die. Inzwischen kennen mich aber alle, und ich lasse mich auch einmal von meinen Kolleginnen und Kollegen vertreten. Außerdem halte ich Reden und Ansprachen. Zum Beispiel an jedem 27. Januar im Hamburger Michel, was eine ganz besondere Ehre für mich ist.

Leider haben wir kein eigenes Büro. Ich habe zwar eine Assistentin, die aber in der Woche nur 4 Stunden arbeitet (im Moment deutlich mehr, unter anderem wegen des neuen Datenschutzgrundgesetzes, das uns alle an den Rand unserer zeitlichen Kapazitäten bringt), also bleibt viel Arbeitskram übrig. So viele Arbeiten, die eigentlich eine Sekretärin machen müsste, mache ich selbst. Ich wusste aber auch, dass es so ablaufen würde … Zum Glück habe ich viel Unterstützung durch meine Vorstandskolleginnen und -kollegen, und wir haben seit ca. einem Jahr eine neue Mitarbeiterin, die sich um alles Technische, auch um unsere Website, kümmert. Es sei unterstrichen, dass wir alle ehrenamtlich arbeiten, lediglich unsere Assistentin bekommt ein kleines Honorar.

Meine Tätigkeiten für die Hamburger Autorenvereinigung mit meinem Beruf und meinem Schreiben zu vereinbaren, ist natürlich schwierig. Ich arbeite auch in einem Verlag, gebe Bücher heraus, ich bin Übersetzerin, Lektorin, Italienischlehrerin, ich gebe Literaturkurse in verschiedenen Institutionen und Koch- und Meditationskurse, ich bin ausgebildete Stadtführerin in Hamburg ... Also habe ich ein sehr buntes Berufsleben, kann ich sagen. Deshalb habe ich wenig Freizeit, aber ich habe es irgendwie geschafft, alle meine Vorlieben und Hobbys zum Beruf zu machen. Der Unterschied zwischen Arbeitsleben und Privatleben ist bei mir nicht vorhanden. Es gibt deshalb manchmal die Momente, in denen es mir scheint, als ob ich gar nicht arbeitete, alles macht solchen Spaß Und dann gibt es auch Momente, in denen es mir vorkommt, als würde ich nur arbeiten. Man darf nicht vergessen, dass das Amt des Vorsitzenden der Hamburger Autorenvereinigung ehrenamtlich ist. Deshalb muss ich aufpassen, dass ich nicht zu viel Zeit einsetze. Denn auch ich muss arbeiten und Geld verdienen. Ich reise zum Glück trotzdem viel und bin öfter im Ausland unterwegs. Auch dort arbeite ich dann aber manchmal, wie ich es diesen Sommer wieder vorhabe. In Italien werde ich eine dort ansässige Ehepaare in Italienisch unterrichten. Hinterher mache ich dann aber noch meinen Badeurlaub!

- Ich finde es schon sehr traurig, dass so eine Kulturstadt wie Hamburg für irgendwelche nicht nötigen Fernsehprogramme Abermillionen von Euros ausgeben kann, aber wenn es um solche seriösen Verein geht, haben sie nur ein bestimmtes Budget zur Verfügung. Das passt irgendwie nicht in so eine Kulturstadt oder...

- Nein, aber wir haben ja ein großes Literaturhaus in Hamburg …

- Ob dieses Haus aber tatsächlich alle Autoren aus Hamburg vertritt, glaube ich kaum. Ich habe meine eigenen Erfahrungen gemacht. Als ich bei meinem ersten und zweiten Buch nach einer Veranstaltung gefragt hatte, wurde mir gesagt: „Unser Publikum mag solche Art von Autoren wie Sie und solche Werke nicht“. Daher frage ich mich, so viele Fördergelder bekommen sie, aber nicht alle Autoren dieser Stadt werden in diesem Haus vertreten … Ist nicht etwas verkehrt?

- Das Literaturhaus macht aber auch hervorragende und hochinteressante Veranstaltungen. Sie haben einen sehr guten finanziellen und räumlichen Hintergrund und eben auch hohe Besucherzahlen; denn sie können es sich leisten, auch weltberühmte Autoren und Autorinnen einzuladen. Wir nicht – es denn, jemand wie Herta Müller oder Hanns-Josef Ortheil gewinnt den Hannelore-Greve-Literaturpreis. Mit der Annahme verpflichtet man sich nämlich zu einer honorarfreien Lesung bei der Hamburger Autorenvereinigung. Sonst könnten wir solch prominente Leute nicht so einfach als Gast bei uns haben. Die Behörde der Hamburger Kultur und Medien unterstützt uns zum Glück seit Jahren mit einem Budget, mit dem wir klarkommen müssen. Dazu kommen natürlich die Mitgliederbeiträge und private Spenden. Trotz alldem müssen wir mit wenig Geldern auskommen. Ich musste sehr schnell und stark lernen, wie ich die Vereinigung wirtschaftlich führen muss. Wir haben zwar eine Schatzmeisterin, aber verantwortlich bin ich am Ende selbst. Ich muss immer einen Überblick darüber haben, was für Kosten und Ausgaben wir haben. .

- Wie lauten ihre Gedanken über die Einwandererautoren und Einwandererliteratur? Allein nur in Hamburg und Umgebung leben etwa 60 Autoren und Schriftsteller aus der Türkei und Kurdistan. Haben Sie irgendwelche Beziehungen miteinander? Oder schreiben und leben beide Welten eher für sich selbst?

- Wir haben mehrere türkische Autorinnen und Autoren, die in unserem Verein seit Jahren Mitglied sind. Wir haben aber auch Menschen aus anderen Kulturkreisen. Wir haben einen aus Bangladesch, dann haben wir aus Litauen und aus Spanien Mitglied. Jeder kann bei uns Mitglied werden, wenn er die Aufnahmekriterien erfüllt. Egal in welchem Land derjenige sich befindet oder woher er kommt.

- Aber sie müssen doch ein Kriterium erfüllen um Mitglied zu werden. Bei mir war die Voraussetzung, zumindest ein Werk veröffentlicht zu haben …

- Ja mindestens ein Werk oder eine andere entsprechende Leistung (Übersetzung, Theaterarbeit, Journalismus) das ist immer noch so. Früher zählten Veröffentlichungen aus Eigenverlagen oder bei BoD nicht. Das haben wir geändert, denn wenn die literarische Qualität stimmt, darf einer Aufnahme nichts im Wege stehen. Wissen Sie, wir haben manchmal Bücher vorgelegt bekommen, die so gut, so fantastisch sind. Solche Autoren aus den genannten Gründen nicht aufzunehmen, wäre zu schade. Dies hielte ich für einen großen Fehler. Lediglich reine Bezahlverlage, bei denen die Autoren und Autorinnen keine angemessenen Bedingungen haben – das geht immer noch nicht. Die entsprechenden Bücher müssen wir leider kategorisch ablehnen. Und wenn ein vorgelegtes Buch in einem renommierten, etablierten Verlag erschienen ist, dann ist das für uns weiterhin ein Hinweis darauf, dass wir es mit guter Literatur zu tun haben. Bei Eigen- oder Bod-Veröffentlichungen schauen wir immer noch ein wenig genauer hin. Wen wir aufnehmen, das entscheidet der gesamte Vorstand. Es gibt natürlich leider auch Autoren und Autorinnen, die sich bewerben und den denen wir Nein sagen müssen, weil die literarische Qualität nicht ausreicht. Wir erwarten schon, dass die Werke einem bestimmten literarischen Standard entsprechen. Es ist egal, in welcher Sprache sie schreiben. Wir haben auch Mitglieder, die nicht auf Deutsch schreiben. Denn es spielt keine Rolle, welchen kulturellen Hintergrund jemand hat, oder wo er sich auf der Welt aufhält. Wir veranstalten auch Literaturabende in mehreren Sprachen. So haben wir im letzten Jahr die mehrsprachige Anthologie „Wayfarers“, herausgegeben von Gino Leineweber, vorgestellt. Mit Lesungen auf Griechisch, Türkisch, Englisch und Deutsch. Und vor einigen Jahren habe ich eine literarische Reise nach Triest organisiert. Es ist mir damals gelungen, Schriftsteller und Schriftstellerinnen aus Bosnien, Deutschland, Italien, Kroatien, Serbien und Slowenien an einen Tisch zu bekommen. Da ging mir als weltoffener Mensch das Herz auf,

Nicht von ungefähr habe ich nicht nur Germanistik, sondern auch Romanistik studiert, um mir so Gandere Literatur anzuschauen und zu vergleichen. Und auch Menschen kennenzulernen aus anderen Ländern ist für mich unglaublich wichtig.

Am wichtigsten ist mir jedoch, in meiner Heimatstadt Hamburg für die Literatur an exponierter Stelle tätig sein zu können – was für ein Glück!

- Ich danke Ihnen für dieses ausführliche Gespräch.

Süleyman Deveci, 16.06.2018

https://devecisueleyman.wordpress.com/2018/06/20/interview-mit-der-hamburger-literaturwissenschaftlerin-autorin-lektorin-uebersetzerin-und-stadtfuehrerin-sabine-witt

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